In die Flut
Mit sechzehn hört ich nur: Verzieh dich
Ein Knirps, der schreibt, ist bestenfalls niedlich
Komm wieder mit fünfzig und dem ersten Infarkt
Für Teenagertexte gibt es keinen Markt
Als ich fünfzig war, wurde mir gesagt
Du wirst doch demnächst eingesargt
Mach Platz, die Welt gehört jetzt den Jungen
Den Bunten und Queeren, den Geschundnen und Wunden
Ich: Ist nur gerecht, bloss was tu ich jetzt
Mit dem Dutzend Romanen und dem ganzen Rest
Den Gedichten, Liedern, gedruckt kaum ein Wort
Wo in eurer Welt ist dafür der Ort
Du willst Heimat? Du kriegst Peitschen und Ruten
Ihr alten weissen Männer sollt endlich bluten
Du, Dylan, Pink Floyd und was da noch fleucht
Nur Tattergreise, hämorrhoidenverseucht
Ich verstand, nahm den Bus, fuhr heim, und das nächste
Was ich tat: Ich legt Feuer an ‘nen Stapel Texte
Wobei mir nach Sekunden meine Brut in den Arm fällt
Paps, stopp, das ist strafbar, der Rauch ruiniert die Umwelt
Ich stürze mich in die Flut
Wie ein Ochse sich in seinem Blut suhlt
Was ist schon wert, dass man darum buhlt
Ich stürze mich in die Flut
Und als ich fühle, wie meine Kraft verfliegt
Da sing ich, da sing ich, da sing ich dies Lied
Ich versuchte den Krempel zu verscherbeln
Doch gleich zetern alle: Du willst uns verderben
Dein Werk ist degeneriert und klein
Voll verbotener Wörter und Schweinigelein
In unserer Welt ist alles nur nett
Schon gut, ruf ich, werf ich den Kram eben weg
Nur sagt mir, womit ich mein Leben verdien
Sie witzeln: Komm wieder zu Haloween
Was schön Saures finden wir schon noch für dich
Einen Holzapfel, ein Glas Milch mit Stich
Mensch, begreife doch bitte, dass Typen wie du
Uns genug geschröpft haben, und gib endlich Ruh
Ich frage die Kinder: Wann hab ich wen geschröpft?
Paps, bitte, dein Selbstmitleid hat sich erschöpft
Du bist heil und gesund, dich ziert Wohlstandsspeck
Opfer sehen anders aus, logisch bist du suspekt
Andrerseits, wend ich ein, ist es schon ein Hohn
Wundgeschriebene Finger, so gut wie kein Lohn
Was hab ich geackert, um euch durchzufüttern
Wärt ihr nicht so gelungen, könnt ich schon verbittern
Paps, komm, du vergisst den ganzen Ruhm
Den du Besseren geraubt hast. Nicht so unschuldig tun!
Mein Ruhm ist geraubt? Ein Sack, wer sowas sagt!
Paps, reiss dich am Riemen, du wirst noch verklagt
Um so besser, dann bin ich auch endlich ein Opfer!
Ach, Papa, welch peinlicher Schenkelklopfer!
Andere wurden für weniger kalt gestellt
Am besten verziehst du dich kurz aus der Welt
Ich stürze mich in die Flut …
Mit Zahnputzzeug, Wäsche und Desodorant
Brech ich auf in Richtung Niemandsland
Keiner wartet auf mich – das riecht förmlich nach Suff
Und was reimt sich auf Suff? Ja, das wär wohl das Puff
Doch ich wette, das Wort Puff ist tabu und gesperrt
In meinem Fall wär es auch kreuzverkehrt
Ich sitze nur da, werkle an diesem Gesang
Und begreife, im Grunde wusst ich’s schon lang
Ich war nie – selbst als Kind nicht – ein Kind meiner Zeit
Die Kluft zwischen mir und der Welt immer weit
Dort war Wahrheit das grössre Vergehen als Lügen
Und seit Auschwitz ist’s unmöglich, noch Reime zu schmieden
Jetzt erst wag ich all das hinter mir zu lassen
Mich wahr und wahrhaftig in Worte zu fassen
Und ich hoffe, dass die Kinder eines Tages verzeihn
Dass ich leben will, nicht mehr nur tapfer sein
Ich stürze mich in die Flut …