In die Flut

Musik und Text Tim Krohn

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In die Flut

Mit sechzehn hört ich nur: Verzieh dich

Ein Knirps, der schreibt, ist bestenfalls niedlich

Komm wieder mit fünfzig und dem ersten Infarkt

Für Teenagertexte gibt es keinen Markt

Als ich fünfzig war, wurde mir gesagt

Du wirst doch demnächst eingesargt

Mach Platz, die Welt gehört jetzt den Jungen

Den Bunten und Queeren, den Geschundnen und Wunden

 

Ich: Ist nur gerecht, bloss was tu ich jetzt

Mit dem Dutzend Romanen und dem ganzen Rest

Den Gedichten, Liedern, gedruckt kaum ein Wort

Wo in eurer Welt ist dafür der Ort

Du willst Heimat? Du kriegst Peitschen und Ruten

Ihr alten weissen Männer sollt endlich bluten

Du, Dylan, Pink Floyd und was da noch fleucht

Nur Tattergreise, hämorrhoidenverseucht

 

Ich verstand, nahm den Bus, fuhr heim, und das nächste

Was ich tat: Ich legt Feuer an ‘nen Stapel Texte

Wobei mir nach Sekunden meine Brut in den Arm fällt

Paps, stopp, das ist strafbar, der Rauch ruiniert die Umwelt

 

Ich stürze mich in die Flut

Wie ein Ochse sich in seinem Blut suhlt

Was ist schon wert, dass man darum buhlt

Ich stürze mich in die Flut

Und als ich fühle, wie meine Kraft verfliegt

Da sing ich, da sing ich, da sing ich dies Lied

 

Ich versuchte den Krempel zu verscherbeln

Doch gleich zetern alle: Du willst uns verderben

Dein Werk ist degeneriert und klein

Voll verbotener Wörter und Schweinigelein

In unserer Welt ist alles nur nett

Schon gut, ruf ich, werf ich den Kram eben weg

Nur sagt mir, womit ich mein Leben verdien

Sie witzeln: Komm wieder zu Haloween

 

Was schön Saures finden wir schon noch für dich

Einen Holzapfel, ein Glas Milch mit Stich

Mensch, begreife doch bitte, dass Typen wie du

Uns genug geschröpft haben, und gib endlich Ruh

Ich frage die Kinder: Wann hab ich wen geschröpft?

Paps, bitte, dein Selbstmitleid hat sich erschöpft

Du bist heil und gesund, dich ziert Wohlstandsspeck

Opfer sehen anders aus, logisch bist du suspekt

 

Andrerseits, wend ich ein, ist es schon ein Hohn

Wundgeschriebene Finger, so gut wie kein Lohn

Was hab ich geackert, um euch durchzufüttern

Wärt ihr nicht so gelungen, könnt ich schon verbittern

Paps, komm, du vergisst den ganzen Ruhm

Den du Besseren geraubt hast. Nicht so unschuldig tun!

Mein Ruhm ist geraubt? Ein Sack, wer sowas sagt!

Paps, reiss dich am Riemen, du wirst noch verklagt

 

Um so besser, dann bin ich auch endlich ein Opfer!

Ach, Papa, welch peinlicher Schenkelklopfer!

Andere wurden für weniger kalt gestellt

Am besten verziehst du dich kurz aus der Welt

 

Ich stürze mich in die Flut …

 

Mit Zahnputzzeug, Wäsche und Desodorant

Brech ich auf in Richtung Niemandsland

Keiner wartet auf mich – das riecht förmlich nach Suff

Und was reimt sich auf Suff? Ja, das wär wohl das Puff

Doch ich wette, das Wort Puff ist tabu und gesperrt

In meinem Fall wär es auch kreuzverkehrt

Ich sitze nur da, werkle an diesem Gesang

Und begreife, im Grunde wusst ich’s schon lang

 

Ich war nie – selbst als Kind nicht – ein Kind meiner Zeit

Die Kluft zwischen mir und der Welt immer weit

Dort war Wahrheit das grössre Vergehen als Lügen

Und seit Auschwitz ist’s unmöglich, noch Reime zu schmieden

Jetzt erst wag ich all das hinter mir zu lassen

Mich wahr und wahrhaftig in Worte zu fassen

Und ich hoffe, dass die Kinder eines Tages verzeihn

Dass ich leben will, nicht mehr nur tapfer sein

 

Ich stürze mich in die Flut …